Der Baum

Der Baum steht kahl im Herbstnebel,
ein bunter Blätterteppich liegt über den Wurzeln.
Wie tot sieht alles aus,
alles Leben scheint gewichen.
Das Grün der Blätter,
die Farbenpracht der Blüten,
die Süße der Früchte -
weit weg und unvorstellbar.
Und trotzdem lebt es im Baum,
keimt es, sprießt es.
Leise, lautlos, unsichtbar, tief verborgen,
geborgen im Urvertrauen des Baumes,
tragen Stamm und Zweige schon

Frühling in sich.
Auch wir Menschen erfahren manchmal Herbst.
Altes Laub fällt von uns ab.
wie tot, ganz leblos fühlen wir uns.
Keine Veränderungen, die so ersehnt werden.
Wir wissen nicht mehr, was wir noch tun könnten -
alles schon versucht, alles schon probiert,
die Kräfte verlassen uns.

 

Dann?
Dann Baum sein.
Ins Vertrauen hinabwurzeln,
Halt machen und Halt finden.
Und wissen:
leise, lautlos, unsichtbar, tief verborgen
tragen wir es bereits in uns:
das Grün der Blätter,
die Farbenpracht der Blüten,
die Süße der Früchte.

Thomas Svoboda

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