Das
Licht des Göttlichen in der Ich-Du-Beziehung
Martin
Buber
Martin
Buber war zutiefst davon überzeugt, dass derjenige, der nicht lernt,
Du zu sagen, auch nicht Ich sagen kann. „Ich werde sprechend Du“.
Diese grundlegende Einsicht bestimmte Bubers Übersetzungsarbeit
an der hebräischen Bibel als dem einzigartigen Dokument des Gegenübers
von Gott und Mensch, an dieser Franz Rosenzweig bis zu seinem Tod
(1929) maßgeblich mitgearbeitet hat. Er wurde in seinen Arbeiten
oft zum eigenwilligen Sprachschöpfer und Vermittler der Erkenntnis:“
In jedem Glied ihres Leibes ist die Bibel Botschaft“. Dahinter stand
seine Überzeugung:
“
Der Mensch wird durch das, was ihm widerfährt, was ihm geschickt
wird, durch sein Schicksal, angeredet; durch sein eigenes Tun und
Lassen vermag er auf diese Anrede zu antworten, er vermag sein Schicksal
zu verantworten“.
Buber
entfaltete das Wesen des Menschen als „dialogische Existenz“.
Das Ich ist nicht zunächst Subjekt, das zu anderen und anderem Beziehung
aufnimmt, sondern es konstituiert sich aus der vorgängigen Beziehung
in der Begegnung mit dem „Du“ und durch sie überschreitend auf das
„ewige Du“ Gottes.
Von der personalen Beziehungswelt unterschied er die „Es-Welt“ der
Natur als gegenständliche Erfahrungswelt (wissenschaftlich erforschbar),
in und an der sich das verantwortliche menschliche Miteinanderleben
zu bewähren hat. Er sagte von sich, er sei zu einem Leben aus
eigener Erfahrung gereift. Er sah es als seine Pflicht, den
Zusammenhang der damals gemachten Erfahrungen ins menschliche Denkgut
einzufügen.
Er konnte seine Erfahrungen und Einsichten nur auf philosophische
Weise weitergeben. „Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein
Gespräch“, diese Worte deuten an, wie gespalten sein Verhältnis
zur Philosophie letztlich geblieben ist.
Die
Gottesbildlichkeit fasste er als Aufgabe, als Werden, als Tat. Er
erkannte die Idee des vollkommenen Menschen und spürte die Berufung,
diese den Menschen zu verkünden. Für ihn galt: Gott als Sprecher
und die Schöpfung als Sprache. Anruf ins Nichts und Antwort der
Dinge durch ihr Entstehen, die Schöpfungssprache. Das Leben jedes
Geschöpfes als Zwiegespräch, die Welt als Wort.
Der wirkliche Gott ist der anredbare, weil anredende
Gott. Buber sah den Verkehr Gottes mit den Menschen und den der
Menschen mit Gott sich vollziehen.
In dieser Hinwendung zur Welt in den „stillen Offenbarungen“ des
Alltags liegt seiner Überzeugung nach der „Ethos des Augenblicks“.
Gerade darin, dass Buber nicht mehr nach Wissen und Erkenntnis fragte,
sondern nach Begegnung und Dialog als Grundbefindlichkeiten des
Menschen, erweist ihn als Agnostiker der ganz bewusst keine Lehre
ausbildete.
Durch sein Bekenntnis zum dialogischen Prinzip ließ er die tradierten
Religionsgrenzen gegenstandslos werden.
Das Aufleuchten des „Lichts des Göttlichen“ in der Gegenwart der
Ich-Du-Begegnung
Martin
Buber geht es um die lebendige Mitte der sich als Beziehungswirklichkeit
zutragende Ganzheit. Und eben diese wird gegenwärtig in den Augenblicken
der gelingenden Ich-Du-Begegnung. Hier gedeiht alles zu
der Einheit des Miteinander, das kein Außerhalb kennt und sich zeitlich
deshalb als reine Gegenwart zeigt. Und in dieser Gegenwart leuchtet
auch immer das Licht des Göttlichen.
Sein wesentliches Anliegen war, die enge Verbundenheit der Beziehung
zu Gott
mit der Beziehung zum Mitmenschen und seine zentrale Frage ist:
Wie
kann das Du-Verhältnis des Menschen zu Gott, welches die unbedingte
und durch nichts abgelenkte Hinwendung zu ihm bedingt, dennoch alle
anderen Ich-Du Beziehungen dieses Menschen mit umfassen und sie
gleichsam Gott zubringen?
Wichtig ist, es wird nicht nach Gott gefragt, sondern nach der Beziehung
zu ihm, was seine Beziehung zu einem Menschen ist.
Diese Beziehung kann nur durch den paradoxen Gebrauch eines Begriffes
ausgesagt werden, welcher den uns geläufigen Inhalten widerspricht.
(Paradox - das was an der Erwartung vorbeigeht). Nämlich durch die
paradoxe Verbindung eines Nominalbegriffes (Gott) mit einem Adiecum
(Du).
Der Inhalt des Begriffes Gott erfährt dadurch eine umwandelnde Erweiterung.
Die
Bezeichnung Gottes als einer Person ist unentbehrlich, wenn man
mit Gott kein Prinzip meint.
Sowie Eckhart das „Sein“ mit ihm gleichsetzt, aber keine Idee mit
ihm meint, und wie Plato ihn zeitweilig für eine solche halten konnte.
Buber meint mit Gott den, der, was immer er sonst noch ist, in schaffenden,
offenbarenden, erlösenden Akten zu uns Menschen in eine unmittelbare
Beziehung tritt und uns damit ermöglicht, zu ihm in eine unmittelbare
Beziehung zu treten.
Dieser Grund und Sinn unseres Daseins konstituiert je und je eine
Mutualität wie sie nur zwischen Personen bestehen kann.
Natürlich ist die Personhaftigkeit völlig außerstande, das Wesen
Gottes zu deklarieren, aber es ist notwendig zu sagen, Gott ist
auch eine Person.
Hier bezieht sich Buber auf Spinoza, der sagt, von den unendlich
vielen Attributen sind uns Menschen nur zwei bekannt, die Geisthaftigkeit
und Naturhaftigkeit.
Buber hingegen vertritt die Auffassung, dass dem Menschen drei Attribute
bekannt sind. Als drittes Attribut tritt die Personhaftigkeit hinzu.
Von diesem Attribut stammt aller Menschen Personsein, sowie das
Geistsein und das Natursein.
Und nur dieses dritte Attribut der Personhaftigkeit gibt sich uns
in seiner Eigenschaft als Attribut unmittelbar zu erkennen.
Dem
Widerspruch, der durch die Dualität im Personsein gegeben ist, entgegnet
er: „Der Widerspruch muss der höheren Einsicht weichen, denn Gott
tritt hier dem Menschen als absolute Person entgegen. Er nimmt seine
Absolutheit in diejenigen Beziehung mit auf, in denen er gegenüber
tritt“.
Der Mensch, der sich ihm zuwendet, braucht sich daher von keiner
anderen Ich-Du-Beziehung abzuwenden.
Zitat: rechtmäßig bringt er sie alle ihm zu und lässt sie sich
„in Gottes Angesicht“ verklären.
Gottes Sprache an die Menschen durchdringt das Geschehen eines jeden
Lebens und alles Geschehen in der Welt um uns, alles biographische
und alles geschichtliche und macht es für jeden zur Weisung, zur
Forderung.
Buber ist klar, die Existenz der Mutualität zwischen Gott und Mensch
ist unbeweisbar, so wie die Existenz Gottes unbeweisbar ist. Wer
dennoch von ihr zu reden wagt, legt Zeugnis ab und ruft das Zeugnis
dessen, zu dem er redet.
Literatur:
Buber, Martin, Ich und Du, Darmstadt 1983
Buber, Martin, Das dialogische Prinzip, Lambert Schneider, Gerlingen,
1994
Metzler Philosophen Lexikon:von den Vorsokratikern bis zu den Neuen
Philosophen/
ungekürzte Sonderausg.2.aktualisierte und erw. Aufl.-Stuttgart;Weimar:Metzler,1995