Arten
der Liebe
Die
erste Liebe ist Liebe zu sich selbst. Diese Bemerkung
mag zu Überraschungen Anlass geben, da Liebe, die auf einen
selbst gerichtet ist, gewöhnlich mit Egoismus, Geltungsbedürfnis
oder Narzissmus gleichgesetzt wird. Diese Art der Selbstliebe existiert
natürlich, sie ist aber nicht die einzige Art; hier, wie immer,
muss die große Komplexität und Vielfalt des menschlichen
Lebens in Betracht gezogen werden. Im Fall der Selbstliebe hängt
alles davon ab, was wir an uns selbst lieben und wie wir es lieben.
Es ist in der Tat Geltungsbedürfnis, wenn wir die egozentrischen
und die trennenden Aspekte in uns lieben: das Verlangen nach Vergnügungen,
Besitz und Herrschaft. Wenn wir aber das in uns lieben, was höher
und das Beste ist, das, was wir wesentlich sind, wenn wir unsere
inneren Möglichkeiten des Wachstums, der Entwicklung, der schöpferischen
Fähigkeiten und der Gemeinschaft mit anderen lieben, dann drängt
uns diese Liebe, der aller Egoismus fehlt, ein Leben höherer
Qualität zu leben. Diese Liebe ist dann nicht nur kein Hindernis,
andere auf dieselbe Weise zu lieben, sondern vielmehr ein mächtiges
Mittel, dies zu tun. Wie alle Arten der Liebe kann auch die Selbstliebe
durch den Willen reguliert und geleitet werden
.
Die Liebe zu anderen Menschen wird durch ihren
Gegenstand, ihr Objekt bestimmt. Mütterliche Liebe
mag als die erste und fundamentale menschliche Beziehung betrachtet
werden. In ihrer anfänglichen Form hat sie die Eigenschaft
eines Opfers und zeigt die willige Hingabe der Mutter an Schutz
und Sorge für ihr Kind, eine Hingabe, bei der die erforderliche
Selbstverleugnung freudig akzeptiert wird. Das Wachstum des Kindes
ist jedoch von der Entwicklung einer gesunden Unabhängigkeit
begleitet, die den rein mütterlichen Aspekt der Liebe einer
gründlichen Prüfung unterzieht. Ihre Hingabe und ihr Opfermut
der frühen Tage der Beziehung können sich nun leicht in
Beschlagnahme und Besitzenwollen verwandeln. Der Sohn oder die Tochter
erkennt dies, vielleicht nur unbewusst, und nimmt es übel.
Je besitzergreifender und anspruchsvoller die Liebe der Mutter ist,
desto stärker ist die Rebellion des Kindes. Und umgekehrt,
je hingebungsvoller die Liebe ist, desto stärker und tiefer
ist die liebende Verbindung. Wieder kann der weise Gebrauch
des Willens den ganzen Unterschied ausmachen.
Die väterliche Liebe weist einen parallelen
Verlauf auf, zeigt jedoch gewisse Unterschiede. Auch hier hat die
grundlegende Liebe des Vaters zu seinen Kindern die Eigenschaft
eines Opfers. Aber dieser anfängliche Eifer, die Kinder mit
materieller und anderer Hilfe zu versorgen, macht später oft
einem Drang Platz, seine Autorität zu behaupten und ihren Gehorsam
zu verlangen. Es kann auch vorkommen, dass sich der Vater mit dem
Kind derart identifiziert, dass er versucht, es nach seinem eigenen
Bild zu gestalten, einem Bild, das oft nicht besonders empfehlenswert
ist! In anderen Fällen mag er starken Druck auf sein Kind ausüben,
das zu erreichen, was er selbst nicht erreichen konnte; das ist
ein ungerechtes und gewöhnlich nicht zu verwirklichendes Verlangen.
In den meisten Fällen ist das Ergebnis Rebellion; wenn sich
das Kind jedoch unterwirft, geschieht es unwillig; und sein Gefühl
der Enttäuschung kann nicht nur seine Entwicklung behindern,
sondern auch die frühere liebende Beziehung schädigen
oder sogar töten.
Die Liebe zwischen Mann und Frau ist ein anderes
Gebiet, in welchem viel semantische Verwirrung herrscht. Sie ist
die Ursache häufiger, ich möchte sogar sagen, beständiger
Missverständnisse und daraus folgender Konflikte. Manche Autoren
nennen die Liebe zu einem Menschen des anderen Geschlechts „erotische
Liebe“, aber die verschiedenen Bedeutungen des Wortes „erotisch“
machen es missverständlich. Erotik wird im gewöhnlichen
Sprachgebrauch und häufig in der einschlägigen Literatur
in einem rein sexuellen Sinn verstanden und manchmal sogar als ein
Synonym für Pornografie benutzt. Andererseits betrachten einige
Philosophen und Psychologen, die auf den Erosmythos und die Bedeutungen,
die ihm die Griechen gegeben haben, zurückgehen, den Eros als
die Anziehung, die ein Geschlecht auf das andere ausübt und
ein Verlangen, sich mit der anderen Person auf allen Stufen, besonders
auf der emotionalen, zu verbinden und zu vereinen.
In Wirklichkeit ist die Liebe zwischen Mann und Frau eine Mischung
von körperlicher, emotionaler, mentaler und spiritueller Anziehung
in einem Verhältnis, das sich bei jeder Beziehung weitgehend
unterscheidet und sich auch im Lauf der Zeit ändert. Das erklärt
die großen Schwierigkeiten, die zwei Menschen beim gegenseitigen
Verstehen und beim harmonischen Verbinden und Integrieren durchmachen.
Daher die Leiden und Konflikte, die sich daraus ergeben.
Die bekanntesten und allgemeinen Aspekte dieser Liebe sind leidenschaftliche
Liebe, sentimentale Liebe und idealistische Liebe. Nicht weniger
wichtig ist die Liebe, die sich auf intellektuelles Verstehen gründet
und die aus geistiger (spiritueller) Gemeinsamkeit geboren wird,
obwohl sie bei der Wahl eines Gefährten gewöhnlich nicht
berücksichtigt wird.
Wir wollen uns jetzt solchen Liebesbeziehungen zuwenden, die anders
sind als die zwischen Menschen des entgegengesetzen Geschlechts.
Hier finden wir brüderliche, altruistische und humanitäre
Liebe. Obwohl diese durch ein Mitgefühl für menschliches
Leid erweckt und verstärkt werden können, entstammen sie
grundsätzlich einem Gefühl der wesensmäßigen
Identität mit unseren Brüdern und Schwestern. In einigen
Fällen, zum Beispiel der „franziskanischen Liebe“,
schließt sie alle lebendigen Geschöpfe ein. Eine volle
Darstellung dieser Form der Liebe enthält Sorokins Buch „The
Ways and Power of Love“ und Martin Luther Kings Buch „The
Strength to Love“ (dt.: „Kraft zum Lieben“).
Es gibt auch eine unpersönliche Liebe, eine Liebe zu
Ideen oder Idealen. Auch in ihr finden wir verschiedene
Bestandteile und Aspekte. Die Faszination durch ein Ideal oder die
Schönheit einer Idee gebären oft eine Hingabe und eine
hochgradige Selbstaufopferung. Aber sie können auch zu Fanatismus
und zu einer idée-fixe führen: ein Mensch kann von einer
Idee oder einem Ideal derart besessen sein, dass er für alles
andere blind, verständnislos und grausam denen gegenüber
wird, die seine Idee nicht teilen oder sich ihr entgegensetzen.
Dann gibt es eine Liebe, die so entstellt ist, dass man sie eine
Karikatur der Liebe nennen möchte. Es ist
die abgöttische Liebe, die die Form einer blinden, fanatischen
Verehrung der Idole der Zeit, der Bühnen- und Filmstars, der
Sportgrößen, Diktatoren und anderer Führer annimmt.
Schließlich gibt es die Liebe zu Gott oder
zu dem, was man sonst als Bezeichnug für das Universale Wesen
oder Sein vorziehen mag: dem höchsten Wert, dem kosmischen
Geist, der höchsten Realität, im transzendenten wie im
immanenten Sinne. Ein Gefühl der Ehrfurcht, der Verwunderung,
der Verehrung und der Anbetung, begleitet von einem Drang, sich
mit dieser Wirklichkeit zu vereinen, ist dem Menschen angeboren.
Dieses Gefühl war in jedem Zeitalter und in jedem Land vorhanden
und hat die vielen Formen der Verehrung gemäß den herrschenden
kulturellen und psychischen Bedingungen geschaffen. Es erreicht
bei den Mystikern seine Blüte, die die lebendige Erfahrung
der Einheit durch die Liebe machen.
Aus:
Roberto Assagioli „Die Schulung
des Willens“
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