Liebe
und Wille sind
zwei der bekannten Polaritäten im Leben vieler Menschen.
Liebe heißt oft Zärtlichkeit, Weichheit und Einbeziehung.
Wille impliziert Zähigkeit, Macht und Zielbewusstheit. Liebe
macht nachgiebig.
Wille
verleiht Entschlossenheit und verhilft dem einzelnen dazu, Ziele
zu setzen und über alle Hindernisse hinweg das Ziel zu erreichen,
manchmal sogar auf Kosten anderer.
Liebe hingegen lässt die Leute weniger an Zielen interessiert
sein, als vielmehr offen zu sein für Gefühle, Beziehungen
und Einfühlungsvermögen, Die Polarität von Liebe
und Wille zeigt sich häufig in dem Dilemma, dem sich Eltern
und Erzieher gegenübersehen - wählen zu müssen zwischen
Strenge einerseits und der Nachgiebigkeit gegenüber den Wünschen
(und manchmal auch Launen) der Kinder andererseits. Man kann ein
ähnliches Dilemma an einem Gerichtshof finden - die Alternative
zwischen strikter, unpersönlicher Anwendung des Gesetzes und
mitleidvoller Identifikation mit dem jeweiligen Fall. Auch in der
Psychotherapie begegnen wir der gleichen Polarität - Menschen
zu akzeptieren, wie sie sind und ihnen positive Zuwendung und Aufmerksamkeit
zu erteilen, oder durch die Abwehrmechanismen zu brechen und sie
aus ihren neurotischen eingefahrenen Geleisen herauszuschütteln.
Jede Seite für sich eindeutig unvollständig. Liebe, der
jeglicher Wille abgeht, wird überzeugens- und kraftlos bleiben.
Viele «liebende» Leute neigen dazu, schüchtern,
faul oder zu nachsichtig zu
sein, wie nett sie auch sein mögen, umgekehrt kann Wille ohne
Liebe sehr rücksichtslos sein. Das kann zu Härte und Zerstörungswut,
zu Machtstreben um der Macht willen und zur Isolation führen.
Ich
glaube, wir können Assagiolis
einfacher Aussage zustimmen, wenn er sagt, dass eine unserer wichtigsten
Aufgaben darin besteht, dass nicht nur die Liebenden stärker,
sondern die Starken auch liebevoller werden müssen.
Eine Möglichkeit, das zu verwirklichen, bedeutet für beide,
die Pole in ihrer unverzerrten Essenz wahrzunehmen. Auf der Ebene
des höheren Bewusstseins werden Liebe und Wille als einander
sehr ähnlich erscheinen. Der vollkommene Wille ist akzeptierend
und funktioniert zum Wohle des Ganzen, während die Liebe eine
willensfähige und beharrliche Qualität enthält
Mag.
Susanne Guzei
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