Spiritualität
von unten
Anselm
Grün
Roberto
Assagioli, der Begründer der Psychosynthese, spricht von dem Schema
Abstieg und Aufstieg, das für den Weg menschlicher Selbstwerdung
charakteristisch ist. Er sieht dieses Schema schon in Dantes „Göttlicher
Komödie“ meisterhaft dargestellt: „ die zentrale symbolische Bedeutung
der Göttlichen Komödie ist ein wundervolles Bild einer vollständigen
Psychosynthese. Der erste Teil – die Pilgerfahrt durch die Hölle
– steht für die analytische Untersuchung des tiefen Unbewussten.
Der zweite Teil – der Aufstieg auf den Berg des Purgatoriums –
beschreibt den Prozess der moralischen Reinigung und des allmählichen
Ansteigens der Bewusstseinsebene durch Verwendung aktiver Techniken.
Der dritte Teil – der Besuch im Paradies oder Himmel – schildert
in unübertroffener Weise die verschiedenen Stadien überbewusster
Verwirklichung bis hin zur abschließenden Vision des Universalen
Geistes, von Gott selbst, in dem Liebe und Wille verschmelzen“.
(Assagioli 238f). Der Weg zu Gott führt über den Abstieg in die
Hölle. Dort begegnet der Mensch oft bedrohlichen Aspekten seines
Unbewussten, Bildern, die mit Elternfiguren zu tun haben können.
Assagioli lädt seine Patienten ein, die Schritte der Göttlichen
Komödie nach zu vollziehen, abzusteigen in die Hölle, aber dann
auch aufzusteigen durch das Purgatorium bis hinein in das Paradies.
Für ihn kann in solcher Übung Verwandlung geschehen.
C.G.Jung
weist immer wieder darauf hin, dass der Weg der Menschwerdung
über den Hinabstieg in die Unterwelt, in das Unbewusste, geht.
Er zitiert selbst einmal Eph 4,9: „Wenn er aber hinaufstieg, was
bedeutet dies anderes, als dass er auch zur Erde herabstieg?“
Und meint, dass die Psychologie, über die viele Christen schimpfen,
genau dasselbe wolle. Niemand kann emporsteigen, der nicht hinab
gestiegen ist. Jung weist darauf hin, dass Christus als der große
Erneuerer mit den Verbrechern hingerichtet wurde. Wir können das
Neue in seiner Botschaft nur integrieren, wenn wir bereit sind,
wie Christus, uns unter die Verbrecher rechnen zu lassen, wenn
wir uns mit den Verbrechern in uns aussöhnen. Der Weg zu Gott
führt nach Jung über den Abstieg in die eigenen Dunkelheit, in
das Unbewusste, in das Schattenreich des Hades.
Von dort her kann das Selbst reich beschenkt wieder auftauchen,
so wie die Goldmarie im Märchen „Frau Holle“ in den Brunnen fällt,
in der Unterwelt das Gold findet, und mit neuem Reichtum wieder
in die obere Welt zurück kehrt. Für Jung ist es ein Lebensgesetz,
dass wir zu unserem Selbst und zu Gott nur finden, wenn wir den
Mut finden, hinab zusteigen in unsern Schatten und in die Dunkelheit
des Unbewussten.
Grün Anselm OSB/Dufner Meinrad OSB
Aus: Spiritualität von unten
d)Psychologische Aspekte einer Spiritualität von unten, S.42,43,46
Münsterschwarzacher Kleinschriften Nr.82, Vier-Türme-Verlag