Der Wille in der Psychosynthese

Assagioli räumt dem Willen eine herausragende Stellung ein: "Die fundamentale Kraft, die vor allem anderen vorrangig sein sollte, ist die ungeheure, unerkannte Potenz des eigenen menschlichen Willens. Seine Schulung und sein Gebrauch bilden die Grundlage aller Bemühungen. Dafür gibt es zwei Gründe: der erste ist die zentrale Lage des Willens in der Persönlichkeit des Menschen und seine enge Verbindung mit dem Kern seines Wesens - seinem eigentlichen Selbst. Der zweite Grund liegt in der Funktion des Willens, zu entscheiden, was zu tun ist, alle notwendigen Mittel zu seiner Verwirklichung anzuwenden und die Aufgabe trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten beharrlich weiter zu führen."

Die erste Aufgabe in der Willensentwicklung besteht darin, herauszufinden, was mein persönlicher Wille ist, der gefunden, erfahren, gestärkt und entwickelt werden muss. "Die Erfahrung des Willens. geschieht in drei Phasen: die erste ist die Erkenntnis, dass der Wille existiert; die zweite betrifft die Einsicht, dass man einen Willen hat und die dritte, dass man ein Wille ist .Erst der erkannte eigene, freie Wille kann einem anderen, höheren Willen eigenständig und differenziert gegenübertreten: erst dann kann ich die höheren ethischen Prinzipien erkennen und als für mich gültige Gesetze des Lebens verinnerlichen.:" Die wahre, gesunde und reine spirituelle Entwicklung ist gekennzeichnet durch das Gefühl von Einheit des Lebens, des Austausches zwischen individuellem und universellem Geist...."
Die Willensentwicklung ist ein Weg der Versuche und der Irrtümer des Ichs hin zum Höheren Willen. Letzterer bleibt ungetan, wenn da kein persönlicher Wille ist, der stark und entwickelt genug ist, dass er ihn verwirklichen kann. Wenn die Persönlichkeit eine Entscheidung trifft, so muss diese einen Bezugspunkt haben. Assagioli beschreibt den Vorgang, wenn dieser Bezugspunkt als das Höhere Selbst erkannt wird, als "freudige Einwilligung, ein Sich-Einfühlen des persönlichen Willens in den universalen Willen im Sinne einer Einheit". Diese Einwilligung ist ein immer wieder neu zu vollziehender, aktiver, lebenslanger Prozess mit der Erkenntnis, dass ich ein Wille bin. Unabdingbare Voraussetzung dafür ist die ganz persönliche, menschliche Liebe. Sie ist es, die den Willen vervollständigt. Denn..." die Hauptursachen des heutigen Durcheinanders ist der Mangel an Liebe auf Seiten derer, die Willen haben, und dem Mangel an Willen bei jenen, die gut und liebevoll sind. Das weist unverkennbar auf die dringende Notwendigkeit der Integration, der Vereinigung von Liebe und Willen hin."

Roberto Assagioli (1989) Die Schulung des Willens Jungfermann, Paderborn 1982
Ulla Pfluger-Heist (2000) Ich, Höheres Selbst und Wille: Wer entscheidet?
in: Psychosynthese Zeitschrift September 2000 Nr.3, Elke F. Gut-Nawo CH-8153 Rümlang

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